UniCredit übernimmt Commerzbank?

Godzilla mit Unicredit-Logo speit Feuer auf Frankfurter Commerzbank-Turm

Frankfurt / Mailand. Die Finanzwelt spielt mal wieder eine große Oper. Das Libretto: Eine große italienische Bank will eine gar nicht so viele kleinere deutsche Bank übernehmen. Aber moment mal, hatten wir diesen Akt nicht schon?

History Repeating

Ja, das Spiel hatten wir schon, und zwar vor 21 Jahren. Seit 2005 ist die HypoVereinsbank, kurz HVB, ein Tochterunternehmen der Unicredit. Und jetzt ist die nächste Bank an der Reihe, die Commerzbank. Zum Größenvergleich:

  • Commerzbank: Bilanzsumme knapp 600 Milliarden, Übernahmekandidat
  • UniCredit: Bilanzsumme knapp 900 Milliarden Euro, Übernehmer

Ouvertüre: Unicredit schleicht sich an

Die UniCredit hat sich pianissimo angeschlichen. Zunächst war sie mit lässigen 9 Prozent eingestiegen, heute verbuchen die Mailänder schon knapp 30 Prozent der Commerzbank-Anteile in ihrem Depot. Wie das kam? Raffiniert hatte UniCredit im September 2024 die Gunst der Stunde genutzt: Der Bund hatte nämlich einen Teil der im Rahmen der Finanzkrise von 2008 erworbenen Anteile wieder auf den Markt geworfen. Und da haben die Mailänder eben zugegriffen.


Quelle: Handelsblatt

Erster Akt: Die Schwelle

Überschreitet ein Investor die 30-Prozent-Schwelle, so schreibt das deutsche Übernahmerecht ein offizielles Angebot an alle übrigen Aktionäre vor. Doch schon kurz vor dem Überschreiten dieser Schwelle hat die UniCredit jetzt ein Angebot an sämtliche Commerzbank-Aktionäre vorgelegt, es ist auch auf Deutsch verfügbar: Freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot. Wichtigster Satz im Banken-Deutsch:

UniCredit S.p.A. (die Bieterin) hat ihre Entscheidung veröffentlicht, den Aktionären der Commerzbank (Commerzbank-Aktionäre) anzubieten, im Rahmen eines freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots sämtliche Aktien der Commerzbank (Commerzbank-Aktien) zu erwerben.

Opern- und Wertpapiertexte sind manchmal schwer zu verstehen. Aber die Bedeutung lässt sich dann doch irgendwie erschließen: Die UniCredit möchte die Aktien der Commerzbank haben. Alle Aktien.

Zweiter Akt: Umtauschen ab Mai

Das Angebot steht: Ab Mai 2026 können Commerzbank-Anteile in die der UniCredit umgetauscht werden. Der Preis liegt allerdings nicht viel höher als der aktuelle CBK-Börsenkurs. Ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Zunächst von Seiten der Commerzbank-Aktionäre. Und falls diese zustimmen, muss auch noch die Hauptversammlung der UniCredit den Deal absegnen.

Dritter Akt: Der Gigant

Welchen Kurs verfolgt die UniCredit eigentlich damit? Der Protagonist betritt die Bühne:

UniCredit is a pan-European Commercial Bank with a unique service offering in Italy, Germany, Austria, Central and Eastern Europe. Our purpose is to empower communities to progress, delivering the best-in-class for all stakeholders, unlocking the potential of our clients and our people across Europe.

Quelle: UniCredit Website

Es geht also um die ganz große Inszenierung, die Mailänder wollen im Großen Haus spielen. Die UniCredit will als führender paneuropäischer Player mit den USA mithalten, wo wenige riesige Banken den Markt dominieren. Und dazu muss sie wachsen. Ihr Kraftfutter ist die zweitgrößte deutsche Privatbank: die Commerzbank, und zwar einschließlich ihrer Tochter, der Comdirect. Einen Unterschied macht das nicht, denn die Direktbank, in den 90ern als Spinoff der Commerzbank gegründet, wurde inzwischen wieder zu 100 % einverleibt.

Vierter Akt: Frankfurter erzittert

Am Frankfurter Kaiserplatz ist man davon wenig begeistert. Das Wort „Feindliche Übernahme“ macht im Bankenviertel die Runde. Die Commerzbank selbst war nämlich an der Gestaltung des Übernahme-Angebots gar nicht beteiligt. Eine Partnerschaft sieht anders aus, oder gar eine Fusion, ein Zusammenschluss auf Augenhöhe.

Intermezzo: Die Coba-Anteile der Bundes

Hält der Bund eigentlich noch Anteile? Ja! Zur Erinnerung: Während der Finanzkrise von 2008 wurde die Commerzbank teilweise verstaatlicht. Heute hält der Bund immer noch rund zwölf Prozent an der Coba, und das auch, um deren Souveranität zu bewahren. Das war wohl zu wenig.

Fünfter Akt: Was wird aus Wero?

Dieser Akt wird leider sehr kurz, Bei der UniCredit ist Wero nicht verfügbar. Bei der HVB ist Wero nicht verfügbar. Und bei der Commerzbank und der Comdirect ist Wero nur angekündigt. Ob sich dieser Status nach einer Übernahme ändert, mag bezweifelt werden. Kein guter Tag für die EPI.

Sechster Akt: Verdis Lamento

Schon Fusionen lösen politische Wallungen aus, und noch viel mehr erhitzen Übernahmen die Gemüter. Was wird aus dem Finanzplatz Frankfurt, den Filialen und den gut dotierten Arbeitsplätzen? Ohne Stellenabbau wird es nicht gehen. Die Gewerkschaft Verdi stimmt ein großes Klagelied an, die Melodie ist die gleiche wie bei der Übernahme der HVB durch die Unicredit im Jahr 2005. Und auch die Landesregierung trompetet in Moll:

Maßstab für uns ist und bleibt, dass der europäische Finanzplatz Frankfurt am Main, Europas Nummer 1, gestärkt und nicht geschwächt wird.

Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) in der Hessenschau

Schlussakt

Über den Schlussakt und die Aria finale kann nur spekuliert werden. Folgende Szenarien sind denkbar:

  • Die Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp und der UniCredit-Boss Andrea Orcel versöhnen sich im Frankfurter Äppelwoi-Viertel und klären die Lage friedlich
  • Die Aktionäre fordern eine Zugabe
  • Die UniCredit verzichtet auf den Übernahme-Akt und schreibt das Werk noch einmal um
  • Die Hausherren der Oper, also Friedrich Merz (Bund), Boris Rhein (Land Hessen) und Mike Josef (Stadt Frankfurt) schlagen Alarm und greifen die Übernahmefreiheit an
  • Das Phantom der Oper erscheint und spielt etwas völlig anderes

Kommentar

Die Coba ist einfach eine Drama-Queen. In der Bankenkrise von 2008 war sie schwer gestrauchelt, dann wurde sie mit milliardenschweren Absicherungen und einer Teilverstaatlichung von 25 % gerettet. Und ausgerechnet in der Phase der Konsolidierung verliert sie wohl ihre Eigenständigkeit.

Was in der öffentlichen Debatte ein wenig zu kurz kommt, ist die Rolle der Comdirect. Die Direktbank war nämlich während der Finanzkrise eigenständig und hat mit den Margen aus dem Brokerage sogar in turbulenten Zeiten noch Gewinne eingefahren. Nach der Wiedereingliederung dürfte sie die Muttergesellschaft aufgewertet haben.