Temu, Shein, AliExpress und andere Billiganbieter überschwemmen Europa mit Milliarden von Mini-Sendungen. Und Mini sind, so die Vorwürfe aus der EU, nicht nur die Päckchen und Preise, Mini ist auch die Qualität sehr vieler Produkte.
Allein im vergangenen Jahr wurden 4,6 Milliarden Pakete aus Drittstaaten, davon 91 Prozent aus China, mit einem Warenwert von jeweils unter 150 Euro an Endverbraucher in die EU versandt. Die Zollfreigrenze muss jetzt weg, im Moment wirkt sie wie ein Freifahrtschein für gefährlichen Schrott“
Marion Runge, Geschäftsführerin beim Handelsverband NRW Ruhr-Lippe.
EU-Sicherheitsstandards nicht eingehalten
Die Probleme sind vielfältig. Die Stiftung Warentest hat die Billigprodukte unter die Lupe genommen und zahlreiche Verstöße bei der Produktsicherheit festgestellt.
Die Stiftung Warentest hat 2025 gemeinsam mit Verbraucherorganisationen aus Belgien und Dänemark 162 Produkte bei Drittverkäufern der Marktplätze Temu und Shein gekauft. Es handelte sich dabei um Spielzeug, Halsketten sowie USB-Ladegeräte. Sie prüften die Produkte auf elektrische und mechanische Sicherheit, testen auf Schadstoffe und eine korrekte Kennzeichnung. Das Ergebnis: 110 der 162 Produkte erfüllen die Standards hinsichtlich der Produktsicherheit nicht. Rund ein Viertel ist laut Stiftung Warentest sogar potenziell gefährlich. Der Test zeigt, dass Anbieter außerhalb Europas häufig nicht die innerhalb der EU gewohnten Sicherheitsstandards garantieren.
Quelle: Verbraucherzentrale Niedersachsen
Fast Fashion: Müllberge und 75-Stunden-Woche
Der Trend zu Fast Fashion erzeugt große Umsätze und noch größere Probleme. Die wenig getragenen und schnell abgelegten „Wegwerftextilien“ lassen Müllberge wachsen. Zudem sind die extrem niedrigen Preise beim Onlinehändler Shine, so der Vorwurf, mit ausbeuterische Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten verbunden.
Guangzhou, die „Fabrik der Welt“
Ein Team der BBC hat dazu in der 16-Millionen-Megacity Guangzhou recherchiert. Die chinesische Hafenstadt wird auch als „Fabrik der Welt“ bezeichnet. Die Textilindustrie befindet sich größtenteils im Stadtbezirk Panyu. In Panyou leben 2,6 Millionen Menschen und nicht wenige davon stellen Textilien für den in Singapur beheimateten Onlinehändler Shine her. Das BBC-Team hat in zehn der etwa 5.000 Produktionsstätten der Textilindustrie recherchiert und mit allen Seiten gesprochen: den Beschäftigten, den Besitzern und den Lieferanten.
Shein-Bericht der BBC: Bis 75 Stunden Wochenarbeitszeit
Ihr Bericht zeichnet ein deutliches Bild von den Bedingungen vor Ort: Arbeitnehmer:innen in Guangzhou arbeiten demnach bis zu 75 Stunden pro Woche, oft unter Verletzung chinesischer Arbeitsgesetze. Die BBC betont zwar, dass solche Arbeitsbedingungen nicht nur in Shein-Fabriken verbreitet sind. „Doch sie werfen Fragen über Shein auf, ein ehemals wenig bekanntes, in China gegründetes Unternehmen, das in etwas mehr als fünf Jahren zu einem globalen Giganten aufgestiegen ist“.
Quelle: Utopia
Abschaffung der 150-Euro-Grenze
Die Europäische Union (EU) hat nun überraschend kurzfristig ihre Zollpolitik gegenüber Importen aus Drittstaaten verschärft. Bisher konnten Waren mit einem Wert unter 150 Euro zollfrei in die EU eingeführt werden. Diese Regelung wird aufgrund der EU-Verordnung 2026/382 bereits zum 1. Juli 2026 abgeschafft. Ursprünglich war die Abschaffung der 150-Euro-Grenze erst für 2028 vorgesehen.
Pauschaler Zoll ab 1. Juli 2026
Die neue Regelung greift bereits ab 1. Juli 2026: Für jede Warensendung wird ein pauschaler Zoll erhoben, der sich nach der Anzahl der Produktkategorien richtet. Je Produktkategorie fallen 3 Euro an. Enthält ein Paket mehrere unterschiedliche Produkte, summieren sich diese Gebühren schnell. Beispiele:
- Für 1 T-Shirt fallen 3 € Zoll an (eine Produktkategorie)
- Für 2 T-Shirts fallen 3 € Zoll an (eine Produktkategorie)
- Für 1 T-Shirt und einem Föhn fallen 6 € Zoll an (zwei Produktkategorien)
Die pauschalen Zölle führen dazu, so die Absicht der EU, dass Mini-Bestellungen nicht mehr rentabel sind. Bei sehr billigen Produkten wird der Zollbetrag nämlich höher sein als der Warenwert selbst.
Die Ziel der pauschalen Strafzölle
- Reduzierung der Wettbewerbsnachteile für EU-Produzenten
- Reduzierung der Wettbewerbsnachteile für EU-Händler
- Reduzierung von Fast-Fashion-Müllbergen
- Erhöhung der Produktsicherheit
- Erhöhung sozialer Standards
- Entlastung der Zollbehörden durch den Pauschalbetrag
Auch deutsche Onlinehändler betroffen
Von den Strafzöllen sind nicht nur für Temu, Shein und AliExpress betroffen, sondern auch deutsche Onlinehändler, falls sie bestimmte Geschäftsmodelle betreiben. Kosten und bürokratischer Aufwand kommen auf manche Dropshipping-Anbieter zu, und auch die Nutzer von Fullfilment-Diensten wíe Amazon FBA (Fulfillment by Amazon) müssen sich möglicherweise mit den neuen Bedingungen auseinandersetzen.
Shein-Dropshipping mit Spotify
Ein Beispiel: Der Onlineshop-Anbieter Shopify erleichtert Händlern das Dropshipping für Shein-Produkte mit der App ShineImporter. Das Tool importiert die Produktdaten für Shein-Produkte und synchronisiert die Bestellungen. Ausgeliefert wird nicht vom deutschen Händler, sondern direkt aus den Shein-Logistikzentren. Der deutsche Händler muss sich, wie bei Dropshipping üblich, nur auf das Marketing konzentrieren. Mit den Produkten kommen Dropshipper gar nicht in Berührung – die Strafzölle von 3 Euro pro Produktkategorie müssen sie aber trotzdem bezahlen.
Fulfillment mit Amazon FBA
Wer diesen Dienst als Händler nutzt, macht sich den Versand bequem: einfach die eigenen Waren in die Lagerhäuser von Amazon liefern. Amazon FBA liefert dann alles an die Kundinnen und Kunden des Shops aus, sehr zügig dank einer ausgefeilten und zu 100 Prozent optimierten Logistik. Allerdings verschiebt Amazon FBA die Waren auch mal gerne von Logistikzentrum zu Logistikzentrum, und dann wird es auf einem anderen Gebiet kompliziert: bei Umsatzsteuern und Zöllen. Beispiel:
- Ware wird von einem deutschen Händler an FBA geliefert
- FBA lagert Ware in Logistikzentrum außerhalb der EU ein
- Kunde bestellt innerhalb der EU
- Umsatzsteuern und Zölle werden fällig, und damit ab 1. Juli 2026 auch der neue Strafzoll von 3 € je Produktkategorie
Zusammenfassend lässt sich sagen: Bei den Zöllen kann es für Onlinehändler je nach Geschäftsmodell komplizierter werden, bei der Umsatzsteuer bleibt alles bei den 2021 eingeführten OSS und IOSS-Verfahren.
OSS- und IOSS-Verfahren
Ein wichtiger Baustein im europäischen E-Commerce-Steuersystem ist das sogenannte One-Stop-Shop-Verfahren (OSS) sowie dessen Erweiterung für Importe, das Import One-Stop-Shop-Verfahren (IOSS). Zur Unterscheidung:
- Das OSS-Verfahren gilt für Internet-Verkäufe innerhalb der EU, also von EU-Land zu einem anderen EU-Land.
- Das IOSS-Verfahren hingegen für Internet-Verkäufe aus einem Drittland in ein EU-Land.
Beide Verfahren betreffen die Umsatzsteuer, nicht die Zölle!
Das OSS-Verfahren
Das OSS-Verfahren ermöglicht es Unternehmen, die in mehrere EU-Länder verkaufen, die Umsatzsteuer zentral in einem einzigen EU-Mitgliedstaat zu melden und abzuführen. In Deutschland ist hierfür das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) zuständig. Durch das OSS-Verfahren entfällt für Händler die Pflicht, sich in jedem einzelnen Land steuerlich registrieren zu müssen, in das Waren ausgeliefert wurden.
Das IOSS-Verfahren
Das IOSS-Verfahren ist speziell für Warenimporte aus Drittstaaten gedacht. (Online-) Händler können die Mehrwertsteuer bereits beim Verkauf erheben und gesammelt über ein zentrales Portal abführen. Für Verbraucher hat das den Vorteil, dass beim Import keine zusätzlichen Mehrwertsteuergebühren mehr anfallen.
Die neuen EU-Strafzölle relativieren nun die Vorteile des IOSS-Verfahrens. Die Steuerabwicklung bleibt vereinfacht, aber on Top kommen auch bei niedrigen Warenwerten die Zölle hinzu.
Kommentar: Europäische Händler werden attraktiver
Der europäische E-Commerce könnte wieder attraktiver werden, da sich der Preisvorteil asiatischer Plattformen verringert. Für Shops mit Lager innerhalb der EU kann das eine Chance sein, Marktanteile zurückzugewinnen.
Der Nachteile von Zöllen
Anderseits haben Zölle nicht nur positive Auswirkungen. Zölle hemmen den Welthandel, belasten Unternehmen mit Kosten und Bürokratie, gefährden Arbeitsplätze und können durch Vergeltungsmaßnahmen Handelskonflikte auslösen.
Die neuen EU-Zölle treffen alle
Zudem treffen die neuen Strafzölle nicht nicht nur Temu, Shein und AliExpress, sondern sämtliche Hersteller und Händler der EU – auch diejenigen, die Sozial- und Umweltstandards einhalten.
